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Hermann Schulte-Hiltrop, Hauptgeschäftsführer der Bauverbände NRW e.V. zu den Herausforderungen für die NRW-Infrastruktur.
Foto: Bauverbände NRW
Hermann Schulte-Hiltrop, Hauptgeschäftsführer der Bauverbände NRW e.V. zu den Herausforderungen für die NRW-Infrastruktur.

Interview

„Das Thema Brücken ist eine Generationenaufgabe!“

Die Messe infratech sprach mit Hermann Schulte-Hiltrop, Hauptgeschäftsführer der Bauverbände NRW e.V.

Die Bauverbände NRW sind die Stimme der mittelständisch geprägten Bauwirtschaft in Nordrhein-Westfalen. Sie vertreten die Interessen von mehr als 4.100 Unternehmen des Bau- und Ausbaugewerbes in Nordrhein-Westfalen.

Herr Schulte-Hiltrop, was sind aktuell die größten Herausforderungen für den NRW Infrastruktur Markt?

Hermann Schulte-Hiltrop: Die Autobahn A45 ist seit dem Dezember 2021 bei Lüdenscheid voll gesperrt. Die Schäden an der Talbrücke Rahmede sind so massiv, dass die Brücke gesprengt und neugebaut werden muss. Für Region und Verkehr hat das schwere Folgen. Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP), teilte im Februar 2022 mit, dass die Brücke noch in diesem Jahr gesprengt werden soll. Gutachten und Ausschreibungen dafür werden nun in die Wege geleitet. Eine große und neue Herausforderung ist die Tatsache, dass die Materialbeschaffung durch den Ukraine Krieg erschwert wird und vor allem teurer geworden ist. Auf der A45 gibt es noch weitere Brücken, die auch marode und aus dem gleichen Baujahr sind. Dies ist eine logische Konsequenz, da das Verkehrsaufkommen vor Jahrzenten anders geplant war. Kurz gesagt: das Thema Brücken ist in Deutschland und in NRW eine Generationenaufgabe!

Was kann sich von der Gesetzgebung ändern, um die Projekte schneller durchzuführen?

Hermann Schulte-Hiltrop: Aus unserer Sicht wäre es sehr erfreulich, wenn die Umweltverträglichkeitsprüfung wegfallen würde, wenn die Situation gegeben ist, dass eine Brücke an gleicher Stelle neu und modern wieder aufgebaut wird. Eine solche Prüfung kostet momentan sehr viel Zeit und Geld. Das deutsche Genehmigungsverfahren hat definitiv seine Berechtigung, um die Qualität zu gewährleisten, aber in manchen Fällen müssen die Vor- und Nachteile abgewogen werden. De facto beginnen diese Projekte zu spät und führen somit zu erheblichen Einschränkungen im Straßenverkehr.

Wo hapert es hier in den Kommunen?

Hermann Schulte-Hiltrop: Das Verfahren um Fördermittel zu beantragen ist zu kompliziert, wodurch wenig abgerufen wird von Bauunternehmen. Hinzu kommt die Undeutlichkeit in der weiteren Finanzierung welches zu weiteren Verzögerungen in den Projekten führt. Nach den Wahlen in NRW werden die umstrittenen Straßenbaubeträge abgeschafft. Das Land übernimmt dann künftig die Beiträge und Anlieger müssen nicht mehr zahlen. Aus unserer Sicht muss das Land mit den Kommunen möglichst schnell klären, wer was wie finanziert und dann muss dies auch zügig umgesetzt werden. Ansonsten wird auch 2022 nicht viel passieren bei neuen Projekten was für klein- und mittelständische Unternehmen schwer zu tragen ist, nachdem bereits in 2021 ein Auftragsrückgang von 4 Prozent im Straßenbau zu verzeichnen war. In NRW ist viel Geld budgetiert für den Bau von Straßen, dies ist noch vom vorherigen Verkehrsminister Hendrik Wüst kommuniziert worden. Zurzeit kommt das Geld nur nicht auf die Straße. Durch den Wegfall der Straßenbaubeiträge tritt nun ein Förderprogramm in Kraft welches die ausgefallenen Zahlungen übernimmt. Dieses Programm gibt es eigentlich bereits seit 2019 womit die Beiträge der Anwohner halbiert wurden. Aus 50 Prozent Übernahme durch das Land werden nun 100 Prozent, was einem Betrag von 65 Millionen Euro entspricht, bisher wurden aber erst 11 Millionen Euro genutzt. Wie ich bereits sagte, das Geld kommt momentan nicht auf die Straße, obwohl die Branche an Kapazität aufgebaut hat.

Wie kann die Branche über ausreichend und gut ausgebildetes Personal verfügen bzw. neue Talente anwerben?

Hermann Schulte-Hiltrop: Die deutsche Bauwirtschaft hat es geschafft seit 2017 rund 200.000 neue Arbeitnehmer mittels einer internationalen Kampagne anzunehmen. Diese Mitarbeiter stehen nun in den Startlöchern, um die Infrastruktur in Deutschland und NRW zu erneuern und neu zu bauen. Das Geld muss nun auf die Straße und Projekte müssen realisiert werden. Die Aussicht für die kommenden Jahre ist sehr positiv, da es genug zu tun gibt in der Baubranche.

Gibt es Bemühungen der Regierung um den aktuell hohen Materialpreisen entgegenzuwirken?

Hermann Schulte-Hiltrop: Es gibt bereits Bemühungen auf Bundesebene, um die Materialgleitpreisklausel einzuführen. Auf Basis hiervon haben wir Kontakt aufgenommen mit den entsprechenden Ministerien in NRW. Wir sehen hier dringenden Handlungsbedarf auf Landes- und Kommunaler Ebene. Dies würde eine große Hilfe für die Betriebe darstellen, da es hier Preisabweichungen von zum Teil plus 30 Prozent gibt. Aktuell ist ein Ersatz der Mehrkosten nicht verpflichtend. Vorbildlich sind aus unserer Sicht die großen Auftraggeber der öffentlichen Hand: Straßen NRW und die Autobahn GmbH. Diese erkennen Preisgleitklauseln bereits an. Es ist also durchaus möglich! Auf kommunaler Ebene ist dies leider noch sehr zurückhaltend.

In welche Richtung ist die Branche aktiv um mit alternativen und nachhaltigeren Materialien zu arbeiten?

Hermann Schulte-Hiltrop: Eine Möglichkeit bietet hier der Carbonbeton welcher der Baubranche neue Möglichkeiten bietet bei der Verstärkung und Instandsetzung unter anderem von Brücken. Mit diesem Material können sehr feine und leichte Betonfertigteile mit Carbonbewehrungen produziert werden. Durch die Nutzung von nicht korrodierendem Carbon zur Bewehrung entfällt der Bedarf einer großen Betonüberdeckung, wie im Stahlbeton notwendig. Damit ist Carbonbeton viel dünner, leichter sowie materialsparender und gleichzeitig extrem tragfähig.

Ein anderes Thema ist die erhöhte Verwendung von Recyclingbaustoffen. In der neuen Mantelverordnung, welcher 2021 vom Bundesrat zugestimmt wurde, werden bundesweite Regeln festgelegt für die Verwertung und den Einsatz mineralischer Abfälle. Es ist sehr zu hoffen und momentan müssen wir hier noch abwarten, dass sich damit Recycling und Ressourceneffizienz erhöhen lassen um der aktuellen Materialknappheit entgegenzuwirken. Dies würde viele Probleme extrem reduzieren, denn so könnte durch Bauen weitere Abfälle reduziert werden.

Zum Abschluss noch eine Frage über die Zukunft: ab 2030 dürfen keine Autos mit Verbrennermotor mehr verkauft werden in Europa. Was sind hieraus die Folgen für das Straßennetz? Und wie reagieren Ihre Mitgliederunternehmen hierauf?

Hermann Schulte-Hiltrop: Neue Straßenbeläge, welche Elektroautos per kabelloser Ladetechnik während der Fahrt mit Strom versorgen, können hier die Zukunft bilden. Dies kann auch ausgebreitet werden für Brücken- und den Tunnelbau. Die Straße steht mit dieser Technik nicht unter Strom. Ein erstes Pilotprojekt wurde hier auf der schwedischen Insel Gotland realisiert.

Wir danken Herrn Schulte-Hiltrop für das Interview, weitere Informationen finden Sie auf www.infratech.de und www.bauverbaende.nrw.

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