Foto: vero

Nachnutzung

Dinosaurier im Steinbruch

In Münchehagen, nicht weit entfernt vom Steinhuder Meer, dem größten See Nordwestdeutschlands, hat sich ein außergewöhnliches Nachnutzungskonzept etabliert.

I

n Münchehagen hat sich am Morgen des 16. März eine beachtliche Menschenmenge zusammengefunden - unter ihnen Raimo Benger, Hauptgeschäftsführer von vero, dem Verband der Bau- und Rohstoffindustrie e.V. Alle wollen sie trotz schlechten Wetters dabei sein, wenn die Dinos aus dem Winterschlaf geholt werden. Auch der örtliche Spielmannszug beteiligt sich am Aufwecken. Dinosaurier in Niedersachen? Natürlich, die waren hier einmal heimisch und der Dinosaurier-Park Münchehagen wurde an der Fundstelle zahlreicher Dinosaurier-Spuren errichtet.

Der Dinosaurier-Park wurde auf dem Gelände der Firma Wesling gebaut. Hier werden seit 1925 Sandsteine gewonnen. Während der Gewinnung wurden immer wieder komplette versteinerte Fährtenzüge von Dinosauriern entdeckt. Diese bis zu 2,5 m mächtigen Sandsteinbänke haben sich vor ca. 139 Mio. Jahren in der Unteren Kreidezeit gebildet. Unter den insgesamt 60 Fährtenzügen befand sich mit 57 Einzelabdrücken, die längste Dinosaurierfährte in Europa.

Internationalen Bekanntheitsgrad erlangten die Dinosaurier-Fährten von Münchehagen durch die hervorragend erhaltenen Langhalssaurier-Spuren. Die bis zu 30 t schweren Tiere hinterließen tiefe, elefantenfußartige Abdrücke auf dem schlammigen Untergrund, die heute als versteinerte Spuren im Sandstein bei der Gewinnung der Sandsteine freigelegt werden.

Entstehung der Spuren in Münchehagen

Niedersachen in der Unteren Kreidezeit: Ein riesiger See bedeckt weite Teile des heutigen Bundeslandes. Die Fläche des heutigen „Naturdenkmal Dinosaurierfährten“ bestand zu dieser Zeit noch nicht aus festem Sandstein, sondern aus feinem, sandigem Schlamm im Uferbereich des Binnensees. Rund um das Gebiet von Münchehagen ragten viele kleine und große Sandinseln aus dem Wasser. Die üppige Vegetation auf diesen Inseln, bestehend aus Nadelbäumen, Baumfarnen, Schachtelhalmen und Ginkgobäumen, bot einer sehr erfolgreichen Tiergruppe reichlich Nahrung: den Dinosauriern. Große Herden pflanzenfressender Langhalsdinosaurier (Sauropoden) und Gruppen nomadisch lebender Iguanodontiden wanderten auf der Suche nach Futter zwischen den Inseln hin und her. Räuberische Sichelkrallensaurier und große Raubsaurier verfolgten die Herden.

Auf ihren Wanderungen zu neuen Fressgründen mussten die Dinosaurier auch weitläufige Wattflächen überqueren. Dabei hinterließen sie ihre Fußabdrücke und Fährten im weichen Sandschlamm.

Warum die Spuren gut erhalten sind

Die Dinosaurier-Spuren von Münchehagen verdanken ihre einmalige Erhaltung besonderen Umständen: Um das Inselgebiet mündeten viele Flüsse in den riesigen See. Die Flüsse transportierten feinsten Tonschlamm und kleine Pflanzenteile in die tiefen Fußabdrücke. Dieser Schlamm setzte sich wie eine Schutzschicht in die Fährten. Das tropische Klima der Unteren Kreidezeit sorgte dafür, dass die Fährten so gut erhalten sind. Nach einer ausgedehnten Trockenzeit folgte eine Regenzeit, die monsunartige Stürme mit sich brachte. So wurden die Spuren schlagartig mit neuem Sandschlamm abgedeckt. Diese Umstände sorgten dafür, dass die Fährten nach ihrer Entstehung nicht durch Wind und Wellen zerstört wurden. In den Dino-Spuren hat sich so eine Flusstonschicht eingelagert, die für eine natürliche Trennschicht zwischen den versteinerten Fußabdrücken und den darüberliegenden Sandsteinbänken sorgte.

Vom Steinbruch zum Wissenschaftspark

Nach Beendigung der Sandstein-Gewinnung durch die Firma Wesling wurde früh die Chance einer sinnvollen Nachnutzung des Steinbruchs erkannt. Das erarbeitete Konzept bot Anfang der 1990er Jahre die Möglichkeit – einen wissenschaftlichen, auf Dinosaurier spezialisierten – Themenpark zu errichten, der inhaltlich mit dem Naturdenkmal eng verknüpft ist.

„Diese einmalige Verbindung hebt das Dinosaurier-Freilichtmuseum Münchehagen deutlich von anderen Freizeitparks ab und gibt ihm ein eigenes Profil. Bei dem Konzeptentwurf wurde auf die sonst für Freizeitparks typischen Fahrgeschäfte völlig verzichtet. Stattdessen haben wir die Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnisse durch Erlebnis und Abenteuer ins Zentrum gerückt“, erläutert Dorit Wesling. Sie ist neben Franz-Josef Dickmann Geschäftsführerin des Dinosaurier-Parks.

Dickmann erinnert an die Ursprünge des Projekts: „Mit der Entdeckung einer riesigen Fährte im Jahr 1980 fing alles an. Dieser Fund wurde öffentlich bekannt und geriet in den Fokus des Landkreises und der Unteren Naturschutzbehörde. Nach einer wissenschaftlichen Bewertung stand schnell fest: Diese Fährtenfläche ist einmalig in Deutschland und muss erhalten werden. Die Erforschung der Dinosaurier-Fährten wird bis heute fortgesetzt. Neue Spuren liefern regelmäßig neue Erkenntnisse und geben Einblicke in die Lebenswelt der Dinosaurier.“

Dino-Spuren dank Rohstoff-Gewinnung

Die fortschreitenden Bodenabbauarbeiten im aktiven Steinbruch haben seit 2004 immer wieder neue paläontologische wertvolle Dinosaurierfährten-Funde zutage gefördert.

Nils Knötschke, Wissenschaftlicher Leiter des Dinosaurier-Parks, betont: „Diese paläontologischen Funde wären ohne die Rohstoffindustrie nicht möglich. Der Abbau in noch aktiven Steinbrüchen sichert regelmäßig weitere Funde.“

Ein Teil dieser weltweit einzigartigen Funde bildet das Zentrum des Naturdenkmals „Saurier-Fährten“. In einer riesigen Schutzhalle, die 1992 erbaut wurde, können Besucher das Naturdenkmal mit über 250 Dinosaurierspuren besichtigen. Es wurde 2006 als ein bedeutender, nationaler Geotop ausgezeichnet.

Nur die enge Zusammenarbeit zwischen Steinbruchbetrieben und Paläontologen ermöglicht es erst, die Funde einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Einmal im Monat bietet der Dinosaurier-Park eine Exkursion in den aktiven Teil des Steinbruchs an, der direkt nebenan liegt.

Mit der Erfahrung aus 25 Jahren Parkbetrieb mit einigen Millionen Besuchern und die Expertise in der Rekonstruktion lebensgroßer Dinosaurier-Modelle hat das Team des Dinosaurier-Parks mittlerweile sein Erfolgskonzept auch international etabliert. Zuletzt wurde ein weiterer Dino-Park im portugisischen Lourinha eröffnet.

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