Franz-Josef Paus, Vorsitzender im Fachverband Baumaschinen und Baustoffanlagen des VDMA.
Foto: Volker Müller

Interview mit Franz-Josef Paus

Maschinenschnittstellen: Wir sind auf einem guten Weg

Franz-Josef Paus ist seit Ende 2017 Fachverbandsvorsitzender im VDMA, seine Amtszeit endet demnach Ende dieses Jahres. Er meint jedoch, dass es bisher üblich sei im Verband, zwei Perioden zur Verfügung zu stehen. Er sieht einen Schwerpunkt seiner Arbeit darin, die Interessen der kleinen und mittelständischen Baumaschinen-Hersteller zu vertreten.

Herr Paus: Digitalisierung und Vernetzung in der Baubranche sind zurzeit die Megathemen. Kaum eine Woche ohne Messe, Kongress oder Seminar zu diesen Fragestellungen. Wie ist der Stand in Ihrem Unternehmen?

Paus: In den Bereichen Entwicklung und Kommunikation sind wir hier auf dem aktuellen Stand. Bei unseren Herstellungsprozessen nutzen wir alle digitalen Möglichkeiten, die wir haben, stoßen aber als Nischenhersteller, der Sondermaschinen als Unikate oder in kleinen Serien fertigt, schnell an die Grenzen des digital Machbaren.

Wie sieht für Sie das Bauen 4.0 aus, und welche Rolle spielen dabei die Baumaschinen?

Paus: Das ist ein sehr komplexes Thema. Bauen 4.0 umfasst nach meiner Einschätzung die Prozesskette von der Planung über die Ausführung, das Nutzen des Bauwerks bis hin zum Rückbau. In allen Phasen erfolgt dabei ein permanenter Austausch von Daten zwischen den Akteuren sowie den genutzten Maschinen und Geräten.

Zurzeit, so mein Eindruck, hat aber jeder noch recht unterschiedliche Vorstellungen davon, welche Aufgaben er konkret in den einzelnen Stufen dieses Prozesses erfüllen soll oder muss.

Wenn wir das Geschehen auf den Bereich Baumaschinen herunterbrechen, an dem wir als Hersteller beteiligt sind, dann müssen wir dafür sorgen, dass die Maschinen in alle Richtungen offen sind, um mit allen anderen Teilnehmern verständlich zu kommunizieren.

Und wann wird das gelebte Praxis sein?

Paus: In Teilbereichen ist das schon die Praxis. BIM – beispielsweise im Hochbau – ist schon sehr häufig Bestandteil der Ausschreibungen.

Im Maschinenbereich haben einige Hersteller schon sehr leistungsstarke Plattformen entwickelt. Bis jedoch alle Protagonisten komplett vernetzt und ein Projekt vollkommen digital durchdrungen und erfasst sein wird, dauert es bestimmt noch zehn Jahre. Andererseits werden parallel sicherlich die Anforderungen neu oder präziser definiert werden und große Entwicklungsschübe in einzelnen Bereichen deutlich schneller realisiert.

Letztlich sollen Digitalisierung und Automatisierung die Prozesse optimieren. Damit sinkt die Bedeutung der einzelnen Maschine. Für die Hersteller ein Dilemma?

Paus: Das kann man nicht pauschalisieren, denn es kommt auf die Maschine an. Eine Erdbewegungsmaschine muss Erde bewegen, und das ist zunächst einmal eine mechanische Aufgabe. Die Maschine der Zukunft wird wahrscheinlich anders aussehen als heute, sie wird womöglich ohne Fahrer arbeiten oder mit weniger menschlicher Interaktion, dennoch bleibt ihre ureigene Aufgabe die Erdbewegung.

Bei den Baustoffanlagen wird der Wandel deutlicher sein, weil sich die Prozesse und auch die Baustoffe ändern. Ich denke in diesem Zusammenhang auch an den 3D-Druck, der schon auf Baustellen erprobt wird.

Dennoch nimmt die Relevanz der einzelnen Maschine ab, da sie künftig als Teil einer Prozesskette definiert sein wird …

Paus: Das ist richtig. Der Bauunternehmer als Teil des beschriebenen Prozesses ist letztlich an einem Resultat interessiert. Er ist ihm zunächst egal, auf welche Weise das passiert, Hauptsache es ist effektiv. Bei der Baumaschine sind im mechanischen Bereich die wesentlichen Erfindungen bereits gemacht und umgesetzt. Da ist also nur wenig Optimierungspotenzial.

Ganz anders sieht es bei den Prozessen aus. Prozessoptimierungen innerhalb der Maschine sehe ich bei anderen Antriebskonzepten wie E-Antriebe – wo es sinnvoll ist – und vor allem bei der Automatisierung. Aber es ist richtig, wenn die Maschinen der Hersteller einen bestimmten Standard erreicht haben, ist da im Detail nicht mehr so viel rauszuholen, und die Maschinen werden austauschbarer. Und ich sehe viel Prozessoptimierungspotential bei der Interaktion aller Teilnehmer auf der Baustelle.

Auf der vorletzten bauma hat Caterpillar von „intelligentem Eisen“ gesprochen …

Paus: Das haben wir schon, etwa mit den Assistenzsystemen. Worum es jetzt geht, ist nicht nur einzelne Prozessschritte auf der Baustelle zu verbessern, sondern den Prozess insgesamt.

Das führt zur Problematik der offenen Schnittstellen – nicht nur, aber auch bei Baumaschinen. Als Vorsitzender der VDMA-Fachgruppe Bau- und Baustoffmaschinen sind Sie hier gefordert …

Paus: Und da bewegt der VDMA auch was. Wir haben auf der bauma 2019 die Arbeitsgemeinschaft MIC 4.0 ins Leben gerufen. Hier betrachten wir den Prozess gesamtheitlich und beschäftigen uns mit den Schnittstellen der Maschinen, damit eine Verständigung über die gesamte Kette ermöglicht wird.

Wir müssen eine gemeinsame Sprache definieren, damit die Maschinen und auch die Menschen dahinter sich verständigen können. Interaktion kann nur dann funktionieren, wenn die Signale, die von Mensch oder Maschine kommuniziert werden, auch von allen verstanden werden. MIC 4.0 hat sich dieser Aufgabe angenommen.

Meine Aufgaben als Verbandsvorsitzender ist es, darauf zu achten, dass das nicht auf einzelne Hersteller beschränkt bleibt, sondern dass die Lösung plattformübergreifend funktioniert. Kleine Hersteller, die z.B. wie wir Sonderlösungen für Kunden entwickeln, müssen in diese Plattform integriert werden können, völlig unabhängig davon, dass große Hersteller für ihre Flotten eigene Lösungen entwickeln oder entwickelt haben, die sicher weiter ihre Berechtigung haben.

Es ist also eine neutrale Schnittstellendefinition erforderlich, die alle Maschinen und Geräte auf der Baustelle umfasst – ggf. bis hin zur Kreissäge.

Wer ist im Arbeitskreis dabei, wie häufig kommt er zusammen, gibt es erste Ergebnisse?

Paus: MIC 4.0 ist von 50 Mitgliedern gegründet worden. Eine Mitgliedschaft im VDMA ist keine Voraussetzung. Im Gegenteil: Zwar geht es in erster Linie um unsere Kernkompetenz Baumaschine, aber beim Thema Schnittstellendefinition sind selbstverständlich auch Unternehmen, die sich mit Cloud-Technologien, Datenübermittlung oder Programmierung beschäftigen, sowie Komponenten- und Anbauhersteller „mit im Boot“.

Außerdem sind knapp zehn Bauunternehmen, also unsere Anwender dabei, die einen wertvollen Input Liefern.

Kommen wir zurück auf die Ergebnisse des Arbeitskreises …

Paus: Wir haben Arbeitskreise gebildet, die sich mit unterschiedlichen Teilaspekten beschäftigen, dazu gehören die verschiedenen Maschinenkategorien und die Systemarchitektur.

Angefangen haben wir mit Begriffsdefinitionen. Was bedeutet es, wenn eine Maschine „aus“ ist? Das sieht bei einem elektrisch angetriebenen Kran völlig anders aus als etwa bei einem Radlader, bei dem die Zündung an sein kann, obwohl der Motor abgeschaltet ist.

Wichtig ist es, sich hier im Sinne der digitalen Kommunikation auf hinreichende Definitionen zu einigen, so dass jeder das Gleiche darunter versteht.

Und wie häufig trifft man sich?

Paus: Im Schnitt einmal im Quartal.

Wie lange wird es denn dauern, bis die Arbeitskreise alle Begriffe geklärt haben?

Paus: Das wird sicherlich zum Ende des Jahres abgeschlossen sein.

Danach folgt die spannende Frage, was machen wir jetzt mit den Ergebnissen? Fließen sie in eine Daten-Cloud ein? Wie wird das organisiert? Wer hat Zugriff auf die Daten, etc. Ich denke trotzdem, wir sind hier auf einem guten Weg, diese historische Chance zu nutzen und können zur nächsten bauma konkrete Lösungen präsentieren.

Parallel zu MIC 4.0 haben wir ein Forschungsprojekt mit der TU Dresden mit Beteiligung der TU München laufen, das jetzt in die heiße Phase geht und bei dem mit Maschinen, Komponenten, Sensorik und EDV-Dienstleistern typische Baustellenabläufe simuliert werden. Ziel ist es, zu erkennen, welche Daten der Maschinen benötigt werden. Aber auch, wie die Arbeiten der einzelnen Maschinen automatisiert werden können und die Abstimmung unter den Maschinen insgesamt erfolgen soll.

Eine Forderung auf dem Construction Equipment Forum in Mannheim und auch auf dem VDBUM-Seminar in Willingen war, die Maschinenbedienung deutlich zu vereinfachen. Weniger Monitore, intuitiver Zugang zu komplexer Technik sind hier die Stichworte. Geht das?

Paus: Ja, sicher geht das. Es war lange Zeit Mode, viele Möglichkeiten im digitalen Bereich auch anzuzeigen. Mittlerweile gibt es eine Trendumkehr in Richtung weniger zu prahlen, um den Fahrer nicht unnötig abzulenken. Erst wenn bestimmte Abläufe nicht planmäßig laufen, bekommt der Bediener einen Hinweis, dass er einzugreifen hat, damit keine Schäden am Bauobjekt oder an der Maschine entstehen.

Vor dem Hintergrund des Facharbeitermangels ist es also wichtig, dass man unterstützende Systeme im Hintergrund vorhält, die es dem weniger qualifizierten Maschinisten gestatten, eine gute Arbeit auf der Baustelle oder im Gewinnungsbetrieb abzuliefern.

Etwa auf die Farben einer Ampel heruntergebrochen?

Warum nicht? Je einfacher, desto besser. Das gilt im Übrigen auch für den Service oder erforderliche Reparaturen. Wir liefern beispielsweise den überwiegenden Anteil unserer Maschinen ins Ausland, auch ins außereuropäische. Wenn dort, z.B. auf wirklich abgelegenen Baustellen dem „einfachen“ Bediener Maschinenprobleme schnell und einfach angezeigt werden, ist es doch super, wenn er kleine Schäden mit Unterstützung klar verständlicher Handlungsanweisungen per Video auf dem Smartphone selbst beheben kann. Er bekommt dabei „virtuelle“ Unterstützung aus dem Werk oder vom Servicepartner.

Abschließend ein ganz anderes Thema: Wie schätzen Sie die wirtschaftliche Entwicklung der Maschinenbranche kurz- und mittelfristig ein, angesichts Brexit, Handelskrieg zwischen den USA und China sowie Corona?

Paus: Trotz der bestehenden Risiken gehen wir für den Fachverband Baumaschinen und Baustoffanlagen von einem weiteren flachen Wachstum auf einem hohen Niveau aus. Obwohl es paradox klingt, profitieren wir tendenziell vom Fachkräftemangel auf den Baustellen.

Das müssen Sie erklären.

Paus: Da das Abarbeiten der bestehenden Bauaufgaben durch den Personalmangel gebremst wird, kommt es zu einer Verstetigung des Bauens auf einem hohen Niveau. Und diese Phase wird wohl noch einige Zeit anhalten.

Was den Brexit angeht, so rechnen wir nicht mit nennenswerten Auswirkungen. Zumal die Beteiligung der deutschen Hersteller auf dem britischen Markt überschaubar ist.

Die Entwicklung zwischen den USA und China schätze ich aus unserer Sicht nicht als dramatisch ein. Was möglicherweise im abflauenden chinesischen Markt an Stückzahlen verloren geht, kann im boomenden US-Markt kompensiert werden.

Und den Einfluss von Corona kann ich schlecht einschätzen. Da müssen wir die weitere Entwicklung beobachten. Meiner Meinung nach ist die aktuell erzeugte Hysterie jedoch deutlich überzogen. Ob ich diese Aussage allerdings in zwei oder vier Wochen noch genauso treffen werde, weiß ich nicht. Ich denke aber, dass in Deutschland keine Katastrophe zu erwarten ist.

Zur Person

Franz-Josef Paus, 57, ist gemeinsam mit Bruder Wolfgang geschäftsführender Gesellschafter der Hermann Paus Maschinenfabrik GmbH, Emsbüren, und Vorsitzender im Fachverband Baumaschinen und Baustoffanlagen des VDMA. Seit 1992 sind beide Brüder im Unternehmen und seit 2002 alleinige Geschäftsführer. Mit knapp 270 Mitarbeitern macht das Unternehmen mit der Entwicklung, Produktion und dem Vertrieb von Maschinen für die Höhenzugangstechnik, für Berg- und Erdbau rund 50 Mio. Euro Umsatz im Jahr.

Foto: Foto: VDBUM

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Foto: Volker Müller

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Foto: Volker Kunkel/Dynapac

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