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Liebherr in Brasilien

Liebherr Brasil fertigt in Guaratinguetá Bagger, Radlader, Krane und Betonmischtechnik für den brasilianischen Markt, auch der weiße Großhydraulikbagger hat hier seine Wiege. Das Unternehmen spielt wirtschaftlich in der obersten Liga mit.

Der Umsatz der letzten zehn Jahre stieg um das Achtfache und lag 2011 bei 170 Millionen Euro. Die Firmengruppe ist seit 1974 in Brasilien aktiv.

Das politische und wirtschaftliche Chaos der 80er Jahre hat sich gelegt, doch die extrem hohen indirekten Steuern machen es dem Unternehmen weiterhin schwer. Wer sich ein Auto kauft, zahlt die Hälfte an den Staat. „Im Vergleich zum brasilianischen Steuersystem sind deutsche Steuergesetze ein Traum“, meint Ströbele. Der Steuerwahnsinn spiegelt sich in einem Produkt wider, das Liebherr eigens für den brasilianischen Markt entwickelt hat: Trockendosieranlagen. Die Steuerbehörde begünstigt nur im Fahrmischer gemixten Beton und bestraft das Benutzen einer stationären Nass-Betonmischanlage mit horrenden Steuern, daher ist die Trockenmischung genau das Richtige für brasilianische Kunden. Der Hintergrund dieser Steuervorschrift bleibt im Dunkeln. Einzige Erklärungsvariante: „Typisch brasilianisch“.

Liebherr Brasil gilt als attraktiver Arbeitgeber, das Unternehmen beschäftigt 1 .200 Mitarbeiter. Die Bezahlung ist überdurchschnittlich, gute Schweißer verdienen rund 1.000 Euro im Monat.

Wie viele andere Unternehmen auch, leidet Liebherr unter dem schlechten Bildungsniveau in Brasilien. „Facharbeiter mit dem Können, wie wir es in Deutschland gewohnt sind, gibt es hier einfach nicht“, berichtet Ströbele. Dem Problem begegnet der Betrieb mit eigenen Ausbildungsprogrammen, „die unsere Leute sehr zu schätzen wissen.“ Der Wert einer Liebherr-Ausbildung habe sich auch schon bei Wettbewerbern herumgesprochen.

Qualitätssicherung der besonderen Art

Die Schicht im Liebherr-Werk beginnt morgens um 7. Die Mitarbeiterbusse, die einen Großteil der Belegschaft aus einem 60-km-Umkreis ins Werk holen, starten gegen 5 Uhr. Der Brasilianer Danilo arbeitet als Schweißer bei Liebherr Brasil. In der Kantine duftet es nach Kaffee. Brötchen und Butter stehen bereit. Nach dem Frühstück tut Danilo für europäische Augen etwas Ungewöhnliches: Er geht zu einer Magnettafel, klebt einen farbigen Punkt unter sein Foto und fängt dann an zu arbeiten. Bewertet er seine Leistung von gestern? Steht ein grüner Punkt für perfekte Schweißnähte, ein roter für einen Haufen Schrott? „Es ist ein Qualitätssicherungssystem“, erklärt Klemens Ströbele, „aber anders als wir denken.“

Die Farbe der Punkte geben wider, wie sich Danilo gerade fühlt, ob seine Freundin ihn verlassen oder sein Heimatfußballverein verloren hat. Grün bedeutet: Ich bin gut drauf, rot heißt: Ich habe ein Problem. „Da die Schweißnähte in Handarbeit entstehen, entscheidet die Konzentrationsfähigkeit der Person, die den Lichtbogen führt, über die Qualität unserer Maschinen“, erläutert Ströbele und betont: „Wir sind kein Sozialamt, wir verfolgen damit ein echtes unternehmerisches Interesse.“ Das System funktioniert nur, wenn der Vorgesetzte auf die roten Botschaften reagiert. Oft reicht eine kurze Aufmunterung, um rote Situationen in grüne zu verwandeln. Ein Mitarbeiter, dessen Haus abbrannte, bekam einige Tage frei.

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