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Das Gelände des Steinbruchs Gerhausen/Beinigen ist etwa 85 ha groß
Foto: Kim Rohrbach
Das Gelände des Steinbruchs Gerhausen/Beinigen ist etwa 85 ha groß

Inhaltsverzeichnis

Renaturierung

Artenvielfalt im Steinbruch

Fast 2 Jahrzehnte liegt ein Steinbruch still. Seit 10 Jahren wird ein Großteil der Fläche beweidet. Zahlreiche seltene Pflanzen und Tiere haben sich mittlerweile angesiedelt. Kim Rohrbach, Agraringenieurin, zeigt eine beispielhafte Bestandsaufnahme.

Warum eignen sich Steinbrüche eigentlich für die Förderung von Artenvielfalt? Aufgrund der sehr nährstoffarmen Böden, der offenen Bodenflächen mit wenig Vegetation und der speziellen – oft auch extremen – Temperatur- und Feuchteverhältnisse sind Steinbrüche ideale Ersatz- beziehungsweise Sekundärlebensräume für viele zum Teil stark gefährdete Arten. Diese Arten leben normalerweise in Auen- oder Wildflusslandschaften, die es heute kaum noch gibt.

Pferde und Rinder stutzen das Gras

Bis 1995 wurde auf dem gut 85 ha großen Gelände des Steinbruchs Gerhausen/Beinigen auf der Schwäbischen Alb Gesteinsabbau betrieben. Heute wird nur noch ein geringer Teil der Tiefsohle abgebaut. 2013 wurde auf dem Gelände das Beweidungsprojekt „Urzeitweide im Steinbruch Gerhausen/Beiningen“ gestartet.

Dazu gründete die HeidelbergCement AG (jetzt: Heidelberg Materials AG) 2012 zusammen mit der Blautal-Land-und-Forst GmbH & Co. KG die Betreibergesellschaft Urzeitweide GbR. Heute lebt eine Herde Taurus-Rinder und eine kleine Gruppe Konik-Pferde in dem ehemaligen Steinbruch. Die Tiere sorgen dafür, dass das Gelände nicht verbuscht und zuwächst, sodass der Charakter einer halboffenen Landschaft erhalten bleibt. Zahlreiche Infotafeln rund um das Gebiet informieren neugierige Spaziergänger und Wanderer über das Projekt und einige besondere Art-Vorkommen.

Was die Beweidung bringt

2022 widmete ich mich als Agraringenieurin dem Beweidungsprojekt im Rahmen einer Forschungsarbeit. Um einen Überblick über den naturschutzfachlichen Zustand des Steinbruchs zu erhalten, kartierte ich die Brutvögel und Tagfalter auf dem Gelände und erfasste alle Biotoptypen im Steinbruch und in dessen Umfeld.

Insgesamt konnte ich 37 Tagfalter-Arten der in Deutschland vorkommenden 185 Arten kartieren. Das mag zunächst nach wenig klingen, aber in einem Jahr können mit Sicherheit nicht alle Arten erfasst werden. Denn Schmetterlinge sind zum Teil stark von der Witterung und dem Verlauf des Sommers abhängig. Einige Arten sind so sensibel, dass sie nur bei der für sie idealen Temperatur, Sonnenstrahlung oder Windintensität fliegen. Als Faustregel gilt, dass erst nach 3 Jahren durchgehender Kartierung annähernd alle Arten erfasst sind.

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Der Apollo-Falter (Parnassius apollo) an einer Witwenblume
Foto: Kim Rohrbach
Der Apollo-Falter (Parnassius apollo) an einer Witwenblume

Erstmals ein Apollo-Falter

Als Highlight zeigte sich ein Exemplar des Apollo-Falters im Steinbruch. Es ist das erste Individuum, das bis dato im Steinbruch Gerhausen/Beiningen registriert wurde. Seit einigen Jahren wird darauf hingearbeitet, eine Population des Apollo-Falters von ihrem bekannten Habitat aus einem nahegelegenen Naturschutzgebiet auch im Steinbruch anzusiedeln. So hat sich unter anderem das Regierungspräsidium Tübingen daran beteiligt, den idealen Lebensraum des Apollo-Falters in einem kleinen Bereich des Steinbruchs herzustellen. Nun bleibt noch abzuwarten, ob sich eine kleine Population auch dauerhaft im Steinbruch ansiedelt.

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Bei den Vögeln konnte ich insgesamt 52 Arten erfassen, davon identifizierte ich 41 Arten als Brutvögel, 8 als Nahrungsgäste und 3 als Durchzügler. Einige der erfassten Arten stehen sogar auf der Roten Liste Baden-Württembergs für gefährdete Arten.

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Auch der Argus-Bläuling (Plebejus argus) besiedelt den ehemaligen Steinbruch
Foto: Kim Rohrbach
Auch der Argus-Bläuling (Plebejus argus) besiedelt den ehemaligen Steinbruch

Vielfältige Biotoptypen

Die Biotoptypen im Umfeld des Steinbruchs konnte ich mit der offiziellen, von der Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg herausgegebenen „Kartieranleitung der Offenlandbiotope“ erfassen. Das Umfeld im Abstand von 500 m um den Steinbruch herum nahm ich ebenfalls auf.

Innerhalb des Steinbruchs finden sich flächig vorhandene Magerweiden, Trockenrasen und Gehölze. Zudem kommen einzelne Totholz- und Gesteins-Strukturen über nahezu die gesamte Fläche vor. Das sorgt sowohl für eine Bereicherung der Lebensräume als auch für eine kleinflächige Erhöhung der Struktur- und Lebensraumvielfalt.

Flächig verteilte Unebenheiten und Mulden in der Bodenoberfläche sammeln das Niederschlagswasser. Dadurch bilden sich kleine Gewässer, die je nach Höhe der Vertiefung das Wasser entweder dauerhaft halten oder nur zeitweise wasserführend sind.

Des Weiteren sind ehemalige Verfüllungen oder Halden zu erkennen, die mit humusreichem Bodenmaterial verkippt wurden. Darauf ist verstärkt der Biotoptyp Magerweide zu finden, der sich deutlich vom Trockenrasen auf den Sohlen hinsichtlich der Vegetationsdichte und Artvorkommen unterscheidet.

Insgesamt konnte ich hier im Steinbruch 24 verschiedene Biotoptypen erfassen, von denen 12 einem gesetzlichen Schutzstatus unterliegen. Dabei kommen die geschützten Biotope flächenanteilig innerhalb des Steinbruchs mit 72 % deutlich häufiger vor als im Umfeld mit nur 30 %. Dementsprechend ist das Beweidungsprojekt als Erfolg zu verbuchen.

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Der kleine Perlmutterfalter (Issoria lathonia) gehört ebenfalls zu den 37 erfassten Tagfalter-Arten im Steinbruch
Foto: Kim Rohrbach
Der kleine Perlmutterfalter (Issoria lathonia) gehört ebenfalls zu den 37 erfassten Tagfalter-Arten im Steinbruch

Steinbruch als neuer Lebensraum

Insbesondere für Pionierarten ist das eine gute Nachricht. Pionierarten sind Pflanzen- und Tierarten, die sich besonders gut an neue, noch vegetationsfreie Gebiete anpassen können. Sie besiedeln als erstes offene Bodenflächen. In unserer heutigen Kulturlandschaft haben die Pionierarten kaum noch Chancen zu überleben, da sie von den schnell wachsenden Arten auf sehr nährstoffreichen Böden verdrängt werden.

In Steinbrüchen dagegen sind die Nährstoffgehalte so gering, dass diese Arten wachsen können, ohne dem Konkurrenzdruck zu erliegen. Nahezu ganzjährig findet sich entlang von Wegen, auf Halden oder rund um Lagerplätze ein Blütenangebot, das von zahlreichen Insekten genutzt wird. Ein ständiger Wechsel aus trockenen und feuchten Standorten prägt das Gelände. Steinbrüche können somit einen kleinen Fleck Ungestörtheit bieten, von dem sowohl Tier- als auch Pflanzenarten profitieren können. (Kim Rohrbach)

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Die Tintlinge (Coprinus spec.) wachsen hier auf Dung und kommen außerhalb von Steinbrüchen nur selten vor
Foto: Kim Rohrbach
Die Tintlinge (Coprinus spec.) wachsen hier auf Dung und kommen außerhalb von Steinbrüchen nur selten vor

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