Foto: Foto: Jochen Smann

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Was Baustoffe mit Schafen und Honig zu tun haben

Mit dem Ende der Rohstoffgewinnung beginnt die letzte Phase der Rekultivierung ehemaliger Abbauflächen. Noch einmal rücken Maschinen an, um das Gelände attraktiv zu machen – für die Öffentlichkeit, vor allem aber für die Natur. Ein Ortsbesuch in Mühlacker bei der Firma Sämann.

Freuen sich ber eine gelungene Rekultivierung der Kiesgrube Ettlingen-Bruchhausen: die beiden Smann-Geschftsfhrer Jochen Smann (l.) und seine Schwester Prokuristin Christiane Smann-Welschenbach (r.), Biologe Dr. Hubert Neugebauer (2.v.l.) und Wolfgang Meisenbacher, ein enger Freund und Berater des Hauses Smann.Foto: Foto: Ute Schroeter

Womit verdient wohl jemand sein Geld, der seinen Kunden Honig schenkt,  abends Schäfchen zählt und die Sonne für sich arbeiten lässt? Jochen Sämann wäre bei Robert Lembkes heiterem Berufe-Raten eine harte Nuss gewesen. Imker? Nein. Schäfer? Nein. Stromproduzent? Ja, aber nicht nur. Das „Schweinderl“ wäre längst übergelaufen, ehe der als Ratefuchs bekannte Guido Baumann möglicherweise von Schafen und Bienen auf Rohstoffgewinnung gekommen wäre.
Jochen Sämann ist Chef der Sämann Stein- und Kieswerke GmbH im baden-württembergischen Mühlacker. 2011 gründete er die Sämann Erneuerbare Energie GmbH und baute auf einer verfüllten Fläche im Kalksteinbruch Illingen eine  22 000 m² große Photovoltaik-Freilandanlage. Das Solarfeld ist mit 5 616 in Deutschland hergestellten Modulen bestückt, die  1,4 MW Strom produzieren. „Ideengeber war unser ISTE-Präsident Peter Röhm, der auf einer Tagung über seine Erfahrungen mit Solarparks berichtete“, erzählt Jochen Sämann. Solarkraftwerke als Nachnutzungsmöglichkeit ehemaliger Abbauflächen sind in Deutschland zwar noch nicht weit verbreitet, das Interesse aber wächst. Die Röhm-Gruppe, deren Geschäftsführer Peter Röhm ist, betreibt drei Solarkraftwerke in Baden-Württemberg und produziert damit doppelt so viel Strom wie die gesamte Röhm-Gruppe verbraucht. Die Sämann-Anlage versorgt 350 Haushalte, die Module sind starr nach Süden ausgerichtet und werden nicht nachgeführt. „Über Drehkranz gesteuerte Anlagen, die sich nach dem Sonnenstand ausrichten,  sind reparaturanfällig, teurer in der Anschaffung und im Unterhalt. Daher haben wir uns für eine feste Anlage entschieden“, sagt Sämann. Der Eigenbedarf für das Unternehmen wird aus anderen Quellen gedeckt,  sollten die Verträge mit dem Stromversorger nicht verlängert werden, kann sich der Unternehmer durchaus vorstellen, zum Strom-Selbstversorger zu werden. Genehmigungsschwierigkeiten für den Solarpark hatte er nicht. Die Bevölkerung nahm das Vorhaben durchweg positiv auf, auch die Gemeinde Illingen schmückt sich gerne mit dem grünen Attribut, erneuerbare Energien vor der eigenen Haustür zu beherbergen.

Naturschutz komplett: Schafe statt Rasenmäher

Wie Sonne und Rohstoffgewinnung zusammenpassen, wäre also geklärt. Wie aber ist man im Hause Sämann aufs Schaf gekommen? „Wir haben das Gelände mit einer speziellen Saatmischung bepflanzt, die Bienen anlockt“, erklärt der Stein- und Kieswerke-Chef.  Um den Bewuchs kurz zu halten, schaffte er 20 Fuchsenschafe an - eine recht seltene aber robuste Rasse, die sich gut als Rasenmäher eignet. Namen haben die Tiere nicht, trotz des anonymen Daseins muss jedoch keines um sein Leben fürchten. Abends werden sie  oft vom Chef persönlich gezählt. Benjamin Meier, schafbewanderter Mitarbeiter bei den Sämann Stein- und Kieswerken,  kümmert sich um die Herde, zu der seit kurzem zwei Lämmer gehören.  Dass die Beschäftigung tierischer Mitarbeiter mit einigem Schriftkram verbunden ist, weiß man bei Sämann inzwischen nur zu gut. Schafbeauftragter Meier ist nicht nur für Tränken, Füttern und Geburtshilfe zuständig, er erledigt auch den Schriftwechsel mit dem Veterinäramt und organisiert das Scheren und Impfen. Die Unterhaltung des Solarparks sei weniger aufwendig, sagt Jochen Sämann augenzwinkernd. Trotzdem möchte er seine auf Grünflächen-Pflege spezialisierte Belegschaft  nicht mehr hergeben, für die er eigens einen Schafstall als Winterquartier und Unterschlupf gebaut hat.

Rekultivierung: Eintrittskarte für Mensch und Natur

Camper bitte drauen bleiben: In diesen Flachwasserzonen sollen es sich Tiere und Pflanzen gemtlich machen.Foto: Foto: Ute Schroeter

Auch in anderen Bereichen beschäftigt sich Firma Sämann mit der Rekultivierung stillgelegter Abbauflächen. Jüngstes Projekt ist die Kiesgrube Ettlingen-Bruchhausen  am Rande des Oberrheins. Kennzeichnend für die Gegend sind die vergleichsweise geringen Kiesmächtigkeiten von um die 20 Meter. Nach über vierzig Betriebsjahren war es an der Zeit, der Gemeinde Ettlingen das Gelände ordnungsgemäß zurückzugeben. Was „ordnungsgemäß“ bedeutet, ist im Rekultivierungsplan festgelegt. Die vor Jahrzehnten ausgearbeitete Planung entsprach jedoch nicht mehr den heutigen Naturschutzansprüchen. Firma Sämann beauftragte also Dr. Hubert Neugebauer vom  Planungsbüro Spang.Fischer.Natzschka mit der Aktualisierung des Rekultivierungsplanes. „Das war gar nicht so leicht“, sagt der Biologe, „das Dokument war kaum noch lesbar, gleichzeitig sollte unsere Planung natürlich nicht hinter den damaligen Ansprüchen zurückstehen.“  Im ersten Schritt setzten sich alle Beteiligten zusammen, um einen guten Kompromiss zwischen den verschiedenen Nutzungsansprüchen zu finden. Mit am Tisch saßen neben der Firma Sämann die Gemeinde Ettlingen als Grundstückseigentümerin, das Landratsamt Karlsruhe sowie der Naturschutzbeauftragte, der - und das gibt es nur im Raum Karlsruhe – speziell für den Bereich Baggerseen abgestellt ist. „Es gab ein Konfliktfeld zwischen der Natur auf der einen Seite und der Nutzung als Badesee auf der anderen“, erklärt Dr. Neugebauer. Mit der einstigen Planung, einen Teil des Sees zum Baden freizugeben, wollte sich die Gemeinde nicht anfreunden. Ihr war jedoch auch klar, dass sich Erholungssuchende beim Anblick eines einladenden Gewässers kaum vom Baden abhalten lassen werden. „Um das Konfliktfeld Naturschutz und Freizeitnutzung zu entschärfen, haben wir die Randbereiche des Sees so gestaltet, dass ein übermäßiger Badebetrieb unattraktiv wird“, sagt Neugebauer.

Kosmetik fr den Baggersee: Mit einem extra langen Ausleger werden die steilen Uferwnde abgeflacht und Kiesbnke angelegt.Foto: Foto: Jochen Smann

Eine Forderung, die in der damaligen Planung nicht berücksichtig wurde, heute aber praktisch für jeden Baggersee gilt, lautete, möglichst viele Flachwasserzonen in und am See zu schaffen. „Hier lässt sich die größtmögliche Biodiversität herausholen“, erklärt Dr. Neugebauer, „das flache Wasser nutzen Amphibien zum Laichen, Vögel finden hier Nahrung und seltene Wasserpflanzen können sich ansiedeln.“ Um die steilen Uferwände abzuflachen und Kiesbänke aufzuschütten, mietete Firma Sämann mehre Wochen lang einen Spezialbagger mit extra langem Ausleger. Darüber hinaus wurde eine Mulde in der Uferzone angelegt, die mit Absicht so tief gelegt ist, dass sie ständig durch Grundwasser gespeist wird. Schon bald wird diese Zone versumpfen und einen attraktiven Rückzugsort für Tiere und Pflanzen bilden. „Für Camper und Badende sind diese Feuchtgebiete alles andere als gemütlich und das soll auch so sein“, sagt Biologe Neugebauer, der schon viele Jahre für die Firma Sämann tätig ist. Rohstoffgewinnungsbetriebe wie die Firma Sämann geben sich viel Mühe bei der Rekultivierung und – das wissen viele nicht – übernehmen auch die Kosten dafür. Eine etwa fußballfeldgroße Fläche am Rand des Sees hat das Unternehmen mit Eichen und Hainbuchen bepflanzt. Aufforstung kostet etwa 25 000 bis 30 000 Euro/ha, reine Eichenwälder schlagen mit 60 000 Euro/ha zu Buche. Auch das Anlegen der Flachwasserzonen ist alles andere als kostengünstig, hier muss man mit 150 bis 250 Euro pro Meter Uferzone rechnen.  

Rohstoffgewinnung: Steinige Vorspeise – Süßes zum Dessert

Imker Gerhard Haffner vom Bezirks-Imkerverein Vaihingen/Enz lsst seine Bienen auf der rekultivierten Flche im Kalksteinbruch Illingen fliegen.Foto: Foto: Jochen Smann

Hubert Neugebauer ist längst nicht mehr der einzige Biologe, der den hohen Naturschutzwert von Baggerseen zu schätzen weiß. „Unserer begradigten Kulturlandschaft fehlt es an Dynamik, diese lässt sich durch den Kiesabbau sehr gut wieder herstellen.“ Baggerseen seien Extrembiotope, ohne die Flussregenpfeifer oder Uferschwalben keinen Platz zum Brüten mehr finden würden. Auch wenn die Rohstoffgewinnung auf viele Menschen zunächst zerstörerisch wirkt, so endet sie stets friedlich und manchmal noch ganz anders als man denkt: Von der blütenreichen Bepflanzung des Solarparks, auf dem einst Kalkstein abgebaut wurde, fühlen sich Bienen magisch angezogen. Jochen Sämann hat daher den Bezirksimkerverein Vaihingen/Enz eingeladen, Bienenstöcke auf dem Gelände aufzustellen. Den dabei produzierten Honig kauft er dem Verein ab und verschenkt ihn zu Weihnachten an seine Kunden. So nimmt ein steiniger Anfang ein süßes Ende. (Ute Schroeter)

Wo ist der Flussregenpfeifer? Wie im wahren Leben muss man ihn auf unserem Bild suchen. Baggerseen sind fr diese vom Aussterben bedrohte Vogelart einer der letzten Lebensrume.Foto: Foto: Ute Schroeter
Solarpark Kersch kurz vor der Fertigstellung.

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