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Nutzfahrzeugbranche auf Zukunftskurs

Wurde bei der IAA Nutzfahrzeuge 2016 vorwiegend über Digitalisierung, vernetzte Nutzfahrzeuge und Elektromobilität gesprochen, präsentierten die Hersteller in diesem Jahr serienreife Ergebnisse.

IAA_Nutzfahrzeuge_Actros Der neue Mercedes Actros enthält 60 Neuerungen gegenüber dem Vorgängermodell. Foto: David Spoo

Am Vortag der IAA-Eröffnung boten die Aussteller der internationalen Presse an ihren Messeständen ein unterhaltsames Programm. Bei Volvo wurden die Neuheiten im Stile einer Nachrichtensendung mit Live-Schaltungen präsentiert, bei MAN, Iveco oder Daimler rollten die Premieren-Fahrzeuge perfekt inszeniert und auf die Bühne und der neue VW-Nutzfahrzeuge-Chef Dr. Thomas Sedran brauste rasant mit dem Lastenfahrrad aufs Podium. Dieses, für das Unternehmen untypische Fortbewegungsmittel mit 210 kg Traglast und ½ m3 Ladevolumen ist ein neues Mitglied der VWN-Produkt-Familie. Gleich mehrere Unternehmen bieten Lastenräder mit Elektromotor an, um in Zeiten innerstädtischer Fahrverbote Logistiklösungen für die sogenannte „letzte Meile“ zu liefern. Auch eine Nummer größer gibt es Neues: Mit dem Pilotprojekt ProCargo CQ1 will Sortimo die Lücke zum Mini-Van schließen. Umweltfreundliche Kleinmobile bieten auch Streetcooter, Citcar oder Rytle, letzterer in Kooperation mit Trailer-Hersteller Krone, an. Diese sind auch für den Werksverkehr oder Handwerksbetriebe geeignet. VWN zeigte mit dem e-Crafter HyMotion, den ersten Elektro-Transporter der Marke mit Wasserstoff-Brennstoffzelle, bei VWN, MAN oder Daimler waren vollelektrische Lieferwagen mit Reichweiten von mehr als 100 km zu sehen. Keine Frage, es ist viel passiert im Bereich der leisen und emissionsfreien Nutzfahrzeuge.

Auch bei den Großen herrscht kein Stillstand: Bei Daimler präsentierte sich der neue Actros auf der Drehscheibe von allen Seiten. Stefan Buchner, Leiter Mercedes-Benz Lkw erläuterte, dass das Fahrzeug ganze 60 Neuerungen enthält, darunter ein Multimedia-Cockpit. Hier sind alle Funktionen über zwei Displays steuerbar. Auffälligste Änderung ist der Einsatz der Mirror-Cam, die den toten Winkel ausschaltet und die beiden Außenspiegel ersetzt, was sich wiederum positiv auf den Luftwiderstand auswirkt. Die spektakulärste Neuerung ist der Active Drive Assist. Mit ihm bringt der Hersteller das teilautomatisierte Fahren in Serie. Der Actros kann selbständig bremsen, Gas geben und lenken und bietet teilautomatisiertes Fahren in allen Geschwindigkeitsbereichen. Das Fahrzeug ist ab sofort bestellbar.

Diesel-freier Messestand

„Der Klimawandel wartet nicht“, sagte Iveco Brand-Präsident Pierre Lahutte am komplett Diesel-freien Messestand des Fahrzeugherstellers, der sich mit verschiedenen Lösungen auf veränderte Zeiten einstellt. Angetrieben werden die 18 ausgestellten Fahrzeuge durch Elektrizität, CNG (komprimiertes Erdgas) LNG (verflüssigtes Erdgas) oder auch Bio-LNG, das aus biogenen Rest- und Abfallstoffen erzeugt wird und einen CO2-neutralen Verbrennungsprozess erreicht. Volvo wird im kommenden Jahr mit dem Verkauf elektrisch betriebener Lkw starten. Bei den neuen Modellen FH und FM setzt das Unternehmen auf LNG. Laut Volvo-Trucks Präsident Claes Nilsson stößt dieses Konzept bei den Kunden auf großes Interesse. Erstmals vorgestellt wurde ein Zukunfts-Projekt aus dem Bereich des automatisierten Fahrens. Wie ein Sportwagen wirkt „Vera“ auf den ersten Blick. Doch weit gefehlt, es handelt sich um eine Zugmaschine völlig ohne Fahrerkabine.

Als Pionier bei der Elektrifizierung schwerer Lkw erweist sich ZF. Ein gemeinsam mit DAF durchgeführter Feldversuch mit dem Nutzfahrzeuggetriebe TraXon Hybrid hat laut Unternehmensangaben ergeben, dass sich durch rein elektrisches Rangieren sowie sämtliche Hybrid-Funktionalitäten ein Potenzial von 5 bis 7 % Kraftstoffeinsparung realisieren lässt.

IAA_Nutzfahrzeuge_Vera Die Volvo-Studie „Vera“ ist eine fahrerlose Sattelzugmaschine. Foto: David Spoo

Der Verbrennungsmotor lebt

„Auf dem Weg zu einem fossilfreien Transportsystem werden sich elektrische Antriebsstränge möglicherweise gegen alle anderen Alternativen durchsetzen“, sagte Alexander Vlaskamp, Senior Vice President und Head of Scania Trucks. Noch sei es allerdings Es viel zu früh, den Verbrennungsmotor abzuschreiben, denn er biete “noch die beste Kombination aus Emissionsreduzierung und Gesamtwirtschaftlichkeit im Vergleich zu den anderen Alternativen für die meisten Anwendungen.“ Scania hat 2016 seine neue Lkw-Generation eingeführt. Mittlerweile sind bereits 23 verschiedene Euro-6-Motoren verfügbar, die in vier verschiedene Motoren-Baureihen unterteilt werden können.

Renault Trucks hat sein Optitrack System erweitert. Es bietet durch die zwei in der Vorderachse untergebrachten Hydraulikmotoren vorübergehend zusätzliche Antriebskraft. Verfügbar ist nun auch eine Optitrack+ Version, die speziell für Fahrzeuge im extremen Einsatz konzipiert ist. Schmitz Cargobull präsentierte eine weiterentwickelte Thermoisolierung für die Stahlrund-Kippmulde S.KI SR, bei der der Nutzlastverlust gering gehalten wird. Das Highlight bei Kögel für das Baugewerbe war der Muldenkipper mit bis zu 430 kg mehr Nutzlast. Meiller zeigte ein aus Kameras und LED-Scheinwerfern bestehendes Rück- und Laderaumsichtpaket, mit dem der Fahrer in jeder Situation den Überblick behält.

Maßgeschneiderte digitale Lösungen

„MAN wandelt sich vom Nutzfahrzeughersteller hin zum Anbieter intelligenter und nachhaltiger Transportlösungen“, sagte Joachim Drees, Vorsitzender des Vorstands der MAN Truck amp; Bus AG. 2016 hat das Unternehmen die Digitalmarke RIO gegründet, um die Welt des Transports mit Hilfe einer offenen, cloudbasierten Plattform zu verbinden und damit wirtschaftlicher sowie ökologischer zu machen. Darauf Aufbauend werden den Kunden unter dem Namen „MAN DigitalServices“ nun erste maßgeschneiderte digitale Lösungen angeboten. Die Nutzer erhalten in Echtzeit und ortsunabhängig Einsicht in die Fahrzeugdaten, daraus abgeleitete Analysen sowie Handlungsempfehlungen. Ein ähnliches Tool für Reifen bietet Continental ab Frühjahr 2019 unter dem Namen ContiConnect Live an. Das System informiert Betreiber von Lkw-Flotten sofort, wenn ein Problem mit der Temperatur oder dem Luftdruck eines Reifens vorliegt - auch von Fahrzeugen, die unterwegs sind.

Continental und Knorr-Bremse haben während der Messe eine Partnerschaft zur Entwicklung schlüsselfertiger Systemlösungen für hochautomatisiertes Fahren bei Nutzfahrzeugen verkündet. Aktueller Schwerpunkt ist Platooning, das automatisierte Kolonnenfahren. Dafür liefert Continental Sensoren, Umfeldmodell, zentrale Recheneinheit, Konnektivität und Mensch-Maschine-Interaktion. Knorr-Bremse steuert redundante Aktuatorsysteme für Bremse und Lenkung bei. Bernhard Mattes, Präsident des Verbands der Automobilindustrie (VDA), der die IAA Nutzfahrzeuge ausrichtet, hatte schon im Vorfeld der Messe von Erfolgen im Platooning-Testbetrieb berichtet. Es sei eine bis zu 10 %ige Senkung von C02-Ausstoß und Spritverbrauch erreicht worden. Im nächsten Schritt soll nun der Einsatz von Lkw verschiedener Hersteller untersucht werden.

Auf der Demo-Area im Freigelände konnten die Messebesucher zahlreiche Neuheiten live erleben. Spätestens hier mussten Zweifler erkennen, was vernetzte Nutzfahrzeuge mittlerweile leisten können und dass autonom fahrende Trucks, die Hindernisse erkennen, ihnen ausweichen oder bremsen und warten, bis die Fahrbahn wieder frei ist, keine Vision mehr sind, sondern längst Realität. (David Spoo)

IAA_Nutzfahrzeuge_AutonomAuf dem Demogelände zwingt ein Pkw einen fahrerlosen Lkw zur Reaktion. Foto: David Spoo

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