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Foto: Singbeil
Natursteinpflaster-Schulung in der Demo-Halle bei MBN in Stadthagen.

75 Jahre "Straßen- und Tiefbau"

Pflasterhandwerk: Tradition mit Zukunft

Das Pflasterhandwerk zählt zu den ältesten Handwerkszünften Europas. Pflasterung prägt ganz wesentlich die städtebauliche und die Aufenthaltsqualität öffentlicher Räume und ist somit Teil der Baukultur.

Die Städte mit historischen Stadtkernen haben dies früh erkannt und in den letzten 25 Jahren ihre zentralen Bereiche nach und nach mit hochwertiger Pflasterung ausgestattet.

Das Pflasterhandwerk macht deutlich, dass auch älteste Gewerke hochmodern sein können. Pflasterung verdeutlicht Baugeschichte, prägt den öffentlichen Raum und setzt kulturelle Akzente. Ohne hochwertige Pflasterung wären unseren historischen Stadt- und Ortskerne heute gar nicht mehr vorstellbar. Die alte Zunft der Pflasterer ebnet somit den Weg für attraktive und zukunftsfähige Städte.

Die Kunst des Pflasterns

Die Herstellung von Straßenpflaster – sei es für eine Fahrbahn oder einen Gehweg – ist eine alte handwerkliche Kunst, einerseits der Tradition verbunden, zum anderen immer neuen Anforderungen angepasst. Hierbei gewährleistet ein sorgfältiger Arbeitsprozess eine beständige, langlebige und schöne Pflasteroberfläche, die zusammen mit der Straßenbebauung das Bild einer Stadt prägt.

Dieser handwerklich-künstlerische Prozess beginnt mit der Auswahl der Pflastersteine oder der Platten. Je nach Lage und Ort stellt sich gestalterisch, mitunter auch kulturell die Frage, ob natürliche oder künstliche Steine, geschlagene, gespaltene oder gesägte zum Einsatz kommen, soll die Oberfläche rau oder glatt, ein- oder mehrfarbig sein. Alles sollte sich harmonisch in das Gesamtbild des Straßenraums fügen, darum ist es wichtig, welche Pflasterausführung man wählt: Reihen-, Diagonal-, Spezialverbände oder vielleicht Bögen – der künstlerischen Ausführung sind kaum Grenzen gesetzt.

Können und Erfahrung gefragt

Ein sorgfältig gefertigter detaillierter Entwurf und ein genauer Absteckplan gehen dem handwerklichen Schaffen voraus und erleichtern die Massenermittlung sowie die Arbeit vor Ort: Herstellung und Verdichtung des Planums, Aufbau der tragfähigen und durchlässigen Tragschicht, Aufbringen des Bettungsmaterials (Pflastersandes), Verlegen der geraden und bogenförmigen Borde mit Rückenstütze aus Beton bei Berücksichtigung der Absenkung bei Gehwegüberfahrten, Pflastern in gebundener Bauweise in den Rinnen und schließlich Pflastern der Fahrbahn, Gehwege und Plätze, einschließlich Abrammen und Fugenschluss. Das setzt großes Können und lange praktische Erfahrung voraus, befriedigt aber den Pflasterhandwerker und erfreut den Nutzer viele Jahre lang.

Besondere Pflasterornamente stellen die Verbindung zur Kunst her, die „man mit Füßen tritt“.

Erste Regeln im 19. Jahrhundert

Die ersten Anweisungen für die Herstellung von Pflasterstraßen erschienen in Deutschland ab dem 19. Jahrhundert, beispielsweise die „Instruction der Straßenpflasterkommission in der Stadt Kiel“ vom 1. Oktober 1839 oder die „Wegeverordnung für die Herzogtümer Schleswig und Holstein“ vom 1. März 1842. Die dort aufgezeigten Grundsätze gelten teilweise auch heute noch.

Die Materialauswahl der Pflastersteine beschränkte sich lange auf die in geringen Entfernungen vorhandenen Vorkommen. Das häufigste Material waren Natursteine, die aus Flussbetten, als Lesesteine von den Feldern und bereits in der Antike aus Steinbrüchen kamen. Günstig für ebene Oberflächen waren Steine mit ebenen Spaltflächen, wie beispielsweise Basalt und Kalkstein. Andere Steine erfordern eine aufwendige Bearbeitung, um Pflasterflächen mit ebenen Oberflächen und engen Fugen herzustellen.

Normierte Kleinpflasterung

1885 führte der Königliche Baurat Friedrich Gravenhorst im Straßenbau bei Stade als Erster eine grundlegende Neuerung ein, indem er die bis dahin praktizierte Straßenbefestigung mittels unterschiedlich großer Findlinge erstmals durch die normierte Kleinpflasterung ersetzte. Auf einer Versuchsstrecke auf der Ritzebütteler Chaussee, km 4,250 bis 4,254, verwirklichte er eine möglichst ebene und gleichmäßig widerstandsfähige Straßendecke in Gestalt eines Kleinpflasters, das aus würfelförmigen Granitsteinen von 4 bis 6 cm Kantenlänge bestand. 1894 baute Gravenhorst die erste Überlandstraße mit Kleinpflaster von Stade nach Bremerhaven, das aus dem Zerkleinern von Findlingen gewonnen worden war. Die Decke bewährte sich auch in schwerem Verkehr. Dieses neue Pflaster war so gut, dass es bald in ganz Europa und in Übersee verwendet wurde. Mit seiner Pioniertat schuf Gravenhorst so den bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts hinein in Europa am häufigsten verwendeten Straßenbelag.

Gebrannte Klinker im Straßenbau

In Gebieten ohne Natursteinvorkommen wurden Pflasterflächen aus Ziegeln und Klinkern hergestellt. In Norddeutschland und den Niederlanden verwendet man seit über 300 Jahren hart gebrannte Klinker im Straßenbau. Diese Klinker wurden flach oder hochkant verlegt. Sie waren im Vergleich zu ebenen Natursteinen deutlich kostengünstiger.

Beim Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg wurden in historischen Altstadtkernen nicht nur Häuser, sondern auch das Pflaster nach den zerstörten Vorbildern wiederhergestellt. Großes handwerkliches Können war gefragt, um sie in den Nachkriegsjahren zu versetzen.

Naturstein ist teuer, und so suchte die Industrie nach Ersatz. Die Entwicklung von Betonsteinen lief parallel mit günstigen Kosten für den Zement als Rohstoff und begann Ende des 19. Jahrhunderts. Waren Betonsteine zunächst nur ein Ersatz für Klinker oder Natursteine, so zeigten sich nach dem Zweiten Weltkrieg drei Vorteile. Dies sind die niedrigen Kosten, ein geringer Energieverbrauch sowie besonders hohe Maßhaltigkeit.

Anbruch einer neuen „Steinzeit“

Am Anfang stand die Idee, einen Pflasterstein zu entwickeln, der durch eine Rundum-Verzahnung sicher und verschiebefest in der Fläche liegen sollte. Was heute selbstverständlich ist, galt damals im Markt als gewagtes Unterfangen. Die Vorherrschaft in der Flächenbefestigung hatte bis zu diesem Zeitpunkt das Klinkerpflaster übernommen. Am 10.04.1954 wurden die Oldenburger Betonsteinwerke Wardenburg (OBW) gegründet. Dort kreierte der Firmengründer Walter Lehnen im Jahr 1956 den Wardenburger Pflasterstein. Es war ein revolutionärer Erfolg und zugleich der Anbruch einer neuen „Steinzeit“.

Der Verbundstein war „geboren“. Aufgrund seiner guten Verbundwirkung und der optisch ansprechenden Oberfläche wurden bereits nach den ersten Versuchen sehr große Stückzahlen verkauft. In kürzester Zeit waren mehrere 100.000 m² verlegt.

Aus der 1956 gegründeten S-Formstein-Lizenzgruppe wurde 1970 die SF-Kooperation. Sie ist eine Internationale Gruppe führender Baustoff- und Betonsteinhersteller, die mit technisch ausgereiften und innovativen Produkten und Herstellungsverfahren stets neue Akzente für die Befestigung und Gestaltung von Straßen, Wegen und Plätzen sowie für den Garten- und Landschaftsbau setzen.

Ein weiterer Vorteil von Betonsteinen besteht beim Herstellen verschiedener Grundrissformen, die zu den ineinandergreifenden Verbundsteinen geführt haben. Infolge rationeller Verlegemethoden haben Betonpflastersteine heute den größten Marktanteil.

Ein „Knochen“ prägt das Stadtbild

Deutschlands Pflasterstein Nummer eins wurde der „Knochen“. Er prägt das Stadtbild, aber kaum einer nimmt ihn wahr: der Doppel-T-Verbundstein oder H-Stein genannt. Dieser Betonstein taucht in allen deutschen Bundesländern in jeder guten Garagenvorfahrt auf, ebenso auf landwirtschaftlichen Grundstücken, in Zufahrten, Feuerwehrflächen, auf Supermarkt-Parkplätzen und dergleichen. Also ein Betonstein, der ab den 60er Jahren das Natursteinmaterial zu verdrängen versucht. Das Patent kostete damals 30 D-Mark für einen Betonstein, der sich beim Verlegen mit den Nachbarsteinen ineinander verkeilt und so fast wie eine Beton-Fläche wirkt.

Neue Verlegetechniken mit dem Einsatz verschiedener Geräte für die Herstellung der Bettung bzw. für die Verlegung der Steine ermöglichen eine rationelle Herstellung, insbesondere bei großen Flächen. Durch spezielle mechanische Verlegemaschinen ist heutzutage auch die kräftesparende Verlegung großformatiger Steine und Platten mit Grundrissflächen über 1 m² und Dicken von über 20 cm möglich.

Mechanisierung der Verlegung

Die Pflasterverlegung zu mechanisieren und die extrem hohe körperliche Belastung zu minimieren – mit diesem hehren Ziel zog sich Harald Kleinemas aus Ramsloh im Saterland nach schweißtreibender Arbeit im eigenen Hof in die Garage zurück. Er baute dort erste Modelle, verwarf verschiedene Ideen und präsentierte schließlich 1979, ein Jahr nach der Gründung seines Unternehmens, die erste selbstfahrende Pflasterverlegemaschine. Aus den kleinsten Anfängen heraus entwickelte sich die Firma Optimas zum weltweit führenden Spezialisten für alle Problemlösungen rund um das Pflastern.

Seit über 60 Jahren machen auch die Werkzeuge und Maschinen von Probst den Baustellenalltag leichter. Durch viele wichtige ergonomische und effizienzsteigernde Innovationen ist man heute einer der Marktführer im Bereich der Greif- und Verlegetechnik für Pflastersteine, Beton-und Natursteinelemente.

Eine praxisgerechte, ausgereifte Verlegemaschine, das Hydromak-Mobil, wurde Anfang der achtziger Jahre von der Firma Hydromak präsentiert. Erstmals wurde z.B. eine Zange entwickelt, die Steine hydraulisch in den Läuferverband verschiebt. Damit war man nicht mehr auf ein speziell für die maschinelle Verlegung produziertes Pflaster angewiesen. Nahezu alle Formate lassen sich mit dem mobilen Gerät verlegen.

Bernhard Hunklinger ist seit 1999 mit der Herstellung und dem Vertrieb von Pflasterverlegezangen für z.B. Kompaktbagger tätig.

Heute gibt es Betonsteine in jeder Form und Farbe. Sie lassen sich maschinell verlegen, ob als quadratische Platten auf Fußwegen oder im kleineren Format auf Wegen durch Grünflächen, wo sie z.B. mit gebrochenen Kanten an Naturstein erinnern sollen.

Die traditionelle Herstellung von Pflasterflächen besteht im Verlegen oder Versetzen der Pflastersteine per Hand. Sie sollte ausschließlich von ausgebildeten Steinsetzern durchgeführt werden. Diese manuelle Herstellung hat bis heute ihre Bedeutung nicht eingebüßt. Sie stellt bei kleinen Flächen nach wie vor die preisgünstigste Flächenbefestigung dar.

Verdichtungstechnik

Schon die Völker des Altertums erkannten die Notwendigkeit des Verdichtens von Bauwerken und Verkehrswegen. Sie führten diese Verdichtungsarbeiten mit manuellen Handstampfern und Steinwalzen aus.

Um 1850 traten in Amerika schwere Glattwalzen beim Verdichten von Erdstaudämmen und ein wenig später die ersten Dampfwalzen in Europa in Erscheinung.

Die Entwicklung von Stampfgeräten begann später als die von Walzen. In den 30er Jahren trat sie mit dem Einsatz von Explosionsstampfern (sogenannten Fröschen) z.B. im Autobahnbau zum Verdichten grobstückiger, bindiger und auch von Felsböden, in Erscheinung. In der Nachkriegszeit, in den 50er und 60er Jahren, waren dann größere Weiterentwicklungen der Verdichtungsgeräte (Vibrationsstampfer, Verdichtungsplatten und Walztechnik) zu verzeichnen. Die Verdichtungstechnik entwickelt sich rasant – derzeit hin zu Verdichtungskontrolle und automatischer Steuerung.

Bomag präsentierte 2018 die Stoneguard-Pflasterplatte, die speziell für das Einrütteln von Pflastersteinen entwickelt wurde. Beim Einsatz von herkömmlichen Maschinen liegt die Bruchrate der zu verdichtenden Steine bei bis zu 30%. Mit Hilfe eines verschleißfesten Kunststoffelements unter der Grundplatte ist es Bomag gelungen, diese Bruchrate, speziell bei scharfkantigen und großformatigen Steinen, auf nahezu 0% zu senken. Überdies umschließt das Kunststoffteil die Maschine seitlich um einige Zentimeter. Anwender können so direkt an Randsteine, Fassaden oder im Pflaster integrierte Bauelemente heranfahren, ohne etwas zu beschädigen.

Randeinfassung – Schwerstarbeit war gestern

Schwere Bordsteine schleppen... mühsam Beton verteilen... auf Knien das Fundament für die Rinnsteine erstellen...? Diese Zeiten sind vorbei! Die Entwickler und Hersteller von Greif- und Verlegetechniken haben perfekte Komplettsysteme für Randeinfassungen entwickelt. Kleine und große Hilfsmittel und Geräte revolutionieren heute diese Arbeiten auf den Baustellen!

Zünfte, Innungen und Arbeitsorganisationen

Deutschlandweit gab es Anfang des 20. Jahrhunderts nach einigen Zwischenstufen den „Reichsverband des Steinsetz-, Pflasterers- und Straßenbau-Gewerkes“ (Arbeitgeber, 1909 gegründet) und den „Verband der Steinsetzer, Pflasterer und Berufsgenossen“ (Arbeitnehmer). 1911 wurde versucht, zwischen beiden Zentralverbänden einen einheitlichen Tarifvertrag auszuhandeln. Die Verhandlungen wurden jedoch durch den 1. Weltkrieg unterbrochen und erst am 24. Juni 1920 abgeschlossen. Diese grundsätzlichen Vereinbarungen mit entsprechenden Ergänzungen hatten bis zum Ende der Weimarer Republik Gültigkeit.

Innungen und Wandel zur NS-Zeit

Innungen gelten als Nachfolger der Zünfte und sind lokale Zusammenschlüsse von selbstständigen Handwerkern. Alle Innungen wurden im NS-Regime unselbstständige Teilverbände des Reichsinnungsverbands (ca. 1935).

Nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden bereits 1945 aus regionalen Organisationen Landesverbände. Während in der Bundesrepublik 1949 gleich nach ihrer Gründung der Hauptverband der deutschen Bauindustrie mit seinen Landesverbänden entstand, war die Entwicklung in Berlin schwieriger.

Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges endet die Zeit der weisungsgebundenen Innungen. Ab 1946 nehmen viele Straßenbauer-Innungen unter den jeweiligen Militärregierungen die reguläre Arbeit auf. Die Nachkriegszeit war von der Sorge um die ausreichende Ernährung der Arbeitnehmer und ihrer Familien bestimmt. Eine weitere Sorge galt den Rohstoffen und Arbeitsmaterialien, die nicht in ausreichendem Maße zur Verfügung standen. So wurden in Braunschweig z.B. noch bis 1948 Materialscheine ausgegeben. In vielen Regionen waren am Ende des Zweiten Weltkrieges die Straßen zu über 70% zerstört. Um das tägliche Leben soweit wie möglich wieder aufzunehmen, beschränkten sich die Straßenbau- und Kanalisationsarbeiten vorrangig auf Reparaturen.

Auf die Lehrlingsausbildung wurde gleichwohl viel Wert gelegt. Sie wurde sorgfältig geführt. Und da Berufsschulen ihre Tätigkeiten noch nicht wieder aufnehmen konnten – es mangelte an Lehrkräften –, übernahmen die Innungen die schulische Ausbildung selbst.

Die sowjetische Militärverwaltung löste die Innungen im Gebiet der späteren DDR am 27. Mai 1946 auf. 1955 folgte die Verordnung zur freiwilligen Gründung von Handwerker-Produktionsgenossenschaften (PGHs). Um sich nicht den PGHs anzuschließen bzw. in Volkseigene Betriebe (VEB) umgewandelt zu werden, haben viele Privatbetriebe ihre Mitarbeiter auf unter zehn verringert.

Nach der Wiedervereinigung erfolgte dann ab 1990 die Reprivatisierung der Unternehmen.

Aufgrund der gestiegenen Bedeutung von Denkmalpflege und Verkehrsberuhigung seit den 1970er Jahren spielt Pflaster nach wie vor eine Rolle im Straßenbau. Speziell um die Jahre 1995 bis ca. 2010 herum wurde viel in die Altstadtsanierungen, in die Wiederherstellung historischer Ortskerne investiert.

Vereine im Netzwerk Pflasterbau

Zahlreiche Bauunternehmer, Planer und Kommunen wollten Pflasterschäden nicht länger hinnehmen – mit weiteren Unterstützern gründeten sie im Januar 2003 den Verband Qualitätssicherung Pflasterbauarbeiten. Zielsetzung des Vereins ist es, Bauherren, Planuner und Ausführer umfassend über den fachgerechten Umgang und Bauweisen zu informieren, die Möglichkeiten und Grenzen aufzuzeigen, aber auch einige Grundsätze dieser Bauweisen zu vermitteln.

Seit November 2003 hat sich der Verein „Forum Natursteinpflaster e.V.“ die Aufgabe gestellt, Wissen über alte Pflasterstraßen und Neupflasterungen mit Natursteinen zu vermitteln. Damit will man die alte Pflasterkunst mit den heutigen Anforderungen an Neupflasterungen verbinden und das Handwerk fördern

Die Interessengemeinschaft Deutscher Pflasterer und Steinsetzer e.V. hat sich im Sommer 2010 zusammengetan, um die handwerkliche Qualität im Umgang mit Naturpflastersteinen zu verbessern. Der Verein will das Pflasterer-Handwerk schützen, erhalten und das Berufsbild definieren. Man benennt Defizite, um die Qualität der Ausbildung zu verbessern und Ausbildungsinhalte zu ergänzen. Bekräftigt wird der Verein durch eigene Biografien, da man zum Teil einer Generation angehört, die das Handwerk des Pflasterers/Steinsetzers noch als eigenständigen Beruf erlernt hat. Dieses Handwerk, das auch als Kunsthandwerk angesehen werden kann, will man pflegen und für die Zukunft erhalten.

Lernen von den alten Meistern

1980 wandte sich Siegfried Vogel, Sachverständiger für Natursteinpflasterbau aus Freudenstadt, wieder dem alten Pflasterer-Handwerk zu, denn hier lag viel im Argen. Mit seinem 1996 erschienenen Buch „Die Kunst des Pflasterns mit Natursteinen“ hatte er sich zur Aufgabe gemacht, sein Wissen für die aktuelle Praxis fruchtbar zu machen. Die häufigste Ursache für Pflasterschäden sieht Vogel bei der ungebundenen Bauweise in zu breiten Fugen. Um Drehung oder Verschiebung der Steine zu vermeiden, müssen diese eng aneinander gesetzt werden. Eine alte Pflasterweisheit besagt: „Ein Stein schützt (stützt) den anderen Stein“. Bei spaltrauem Natursteinpflaster wird empfohlen, buchstäblich Stein an Stein zu setzen. Aber bei Materialien mit geraden Kanten (gesägte Natursteine, Beton und Klinker) ist die Fuge eine Notwendigkeit. Durch die planen Flanken berühren sich die Steine ganzflächig und nicht, wie bei gebrochenen Natursteinen, nur an einzelnen Punkten. Die minimalen Bewegungen der Steine durch Verkehr und thermische Dehnung können dabei nicht ausgeglichen werden und verursachen Kantenabbrüche. Bei Steinen oder Platten mit geraden Kanten wirkt „die Fugenfüllung als stützendes Element“.

2001 veröffentlichte der Sachverständige Josef Nefele das Buch „Pflasterbau – Theorie und Praxis“.

2006 erschien die 1. Auflage des „Pflaster Atlas“ von Horst Mentlein. Es ist mit seiner aktuellen 8. Auflage das Grundlagenwerk zur fachgerechten Planung, Konstruktion und Herstellung von Pflasterflächen auf dem heutigen Stand der Technik und Normung.

Im Jahr 2011 erschien der „Pflasterleitfaden der Landeshauptstadt Potsdam“, aufgegliedert in Teil 1: Herstellung von Pflasterflächen aus Natursteinpflaster; Teil 2: Handwerkskunst Pflastern und Teil 3: Muster-Leistungsverzeichnis.

Das Netzwerk Pflasterbau hat sich 2018 auch an der Erstellung der Broschüre „Altstadtpflaster ganzheitlich gestalten" der Arbeitsgemeinschaft Historische Stadt- und Ortskerne in NRW beteiligt. Nicht immer übersteht das eigentlich beständige Pflaster in den historischen Altstädten die Zeiten schadlos. Diese Problematik gab in der Regionalgruppe Südwestfalen den Anstoß, sich tiefergehend mit dem Thema zu beschäftigen. Auf breiten Zuspruch bei allen Mitgliedsstädten stieß daraufhin auch der Fachdialog zum Altstadtpflaster, der die Fachleute zur Mitarbeit einlud. Die aus diesem Prozess resultierende Arbeitshilfe Altstadtpflaster hält nützliches Wissen, Praxisbeispiele und Empfehlungen für das kommunale Handeln bei der Gestaltung, Planung und Umsetzung des „Teppichbodens für öffentliche Räume" bereit.

Pflastern will gelernt sein

Das Thema Pflastern gehört zum Ausbildungsbild eines Straßenbauers dazu, und das muss auch in der Zukunft so sein. Natürlich ist es letztendlich so: Nur durch regelmäßige Übung unter fachmännischer Anleitung ist es einem Straßenbauer möglich, Pflasterarbeiten korrekt auszuführen. Allerdings gehört die Grundlage dafür, also das Grundverständnis für eine qualitativ hochwertige Leistung, ganz klar in die Ausbildungszeit. Dies gilt übrigens auch für die andere Seite, also für Planer und Auftraggeber. Auch in den Ämtern und den Planungsbüros ist die Fachkompetenz in Bezug auf das Ausüben von Pflasterarbeiten wichtig.

Pflastern ist ein handwerkliches Kulturgut und muss als solches auch weitergegeben werden. Es ist wichtig, dass wir im deutschen Handwerk noch genügend Leute haben, um diese Tätigkeit auch in Zukunft abzubilden.

Seit 2010 werden jährlich in den Wintermonaten Praxisorientierte Weiterbildungskurse zusammen mit der IG Deutscher Pflasterer und Steinsetzer e.V., der Straßenbauer-Innung Braunschweig und dem Verband Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau Niedersachsen-Bremen e.V. angeboten. Es gibt  Modul-Kurse für den Straßen-, Tiefbau und Gala-Bau: „Herstellen von Flächen aus Natursteinpflaster“.

Seit 2017 bietet Eipos in Kooperation mit der TU Dresden – Professur für Straßenbau – die berufsbegleitende „Pflasterbau-Fortbildung“ zum Fachingenieur, Fachplaner und Fachbauleiter für Pflasterbau. Ziel ist es, Planern, Bauingenieuren, Mitarbeitern von Ingenieur- und Planungsbüros sowie Bauunternehmen fundierte Kenntnisse zu Verkehrsflächenbefestigungen mit Pflasterdecken, Plattenbelägen und versickerungsfähigen Systemen zu vermitteln.

„Pflasterhandwerk – Zunft mit Zukunft“

Am 4. April 2016 wurde die erste Wanderausstellung „Pflasterhandwerk – Zunft mit Zukunft“ im Altstädtischen Rathaus in Brandenburg an der Havel feierlich eröffnet. Die Ausstellung mit vielfältigen Exponaten wurde dann im Jahre 2017 durch das Netzwerk Pflasterbau (Zusammenarbeit der Vereine IG Deutscher Pflasterer e.V., Forum Natursteinpflaster e.V. und Qualitätssicherung Pflasterbauarbeiten e.V.) erweitert und bis zur Corona-Pandemie bundesweit gezeigt. Ansprechpartner und Kurator der Ausstellung ist Dipl.-Ing. Rüdiger Singbeil (Obermeister der Straßenbauer-Innung Braunschweig).

„Immaterielles Kulturerbe"

Das Netzwerk  Pflasterbau hat 2019 die Bewerbung „Pflaster-/Steinsetzer-Handwerk“ bei der Deutschen UNESCO-Kommission für das Register Guter Praxisbeispiele der Erhaltung Immateriellen Kulturerbes für die Aufnahme auf die UNESCO-Liste „Immaterielles Kulturerbe" eingereicht. Die UN-Sonderorganisation für Kultur, Bildung und Wissenschaft will mit der Liste lokale Traditionen und historische Gewerke vor dem Aussterben schützen. In Österreich ist die Pflasterei schon seit 2018 auf der Liste. In Deutschland wird sie auf der Herbstsitzung 2021 vom Expertenkomitee begutachtet und könnte im Frühjahr 2022 aufgenommen werden, wenn die Kultusministerkonferenz ihren Segen zum Antrag „ Das Pflasterhandwerk – Weitergabe, Bewahrung und Förderung von Pflastertechniken und -wissen“ dazu gibt.

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Foto: Singbeil
Der Autor: Dipl.-Ing. Rüdiger SingbeilSingbeil Bau GmbH
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Foto: Singbeil
Auszug aus der Wegeverordnung für Herzogtümer Schleswig und Holstein vom 1. März 1848.
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Foto: Singbeil
Formen von Verbundpflastersteinen.
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Foto: Wacker Neuson
Evolution der Verdichtung von 1952 bis 2016.
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Foto: Optimas
Nachbau der ersten Optimas-Verlegemaschine.
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Foto: Optimas
Maschinelle Unterstützung im Prozess der Pflasterung.
Die Asphaltbauweise steht neben dem Pflasterbau im Mittelpunkt des Sachverständigenseminars.
Foto: Volker Müller

27. Sachverständigenseminar Straßen- und Tiefbau

Pflaster- und Asphaltbau im Fokus

Das 27. Seminar zur Fortbildung von Sachverständigen des Straßen- und Tiefbaus findet am 22./23. November 2019 in Hannover statt.

Foto: Foto: Volker Mller

Archiv

Pflasterhandwerk – Zunft mit Zukunft

Es ist eine der letzten Gelegenheiten in diesem Jahr, sich über die Geschichte und die aktuelle Technik des Pflasterns zu informieren: Auf dem Straßen- und Verkehrskongress der FSGV in Erfurt wird vom 12. bis zum 14. September erneut die Ausstellung „Pflasterhandwerk – Zunft mit Zukunft“ präsentiert.

Foto: Grafik: Netzwerk Pflasterbau

Archiv

Pflasterhandwerk – Zunft mit Zukunft

Der Fachkräftemangel in der Bauwirtschaft nimmt zu. Betroffen ist davon auch der Pflasterbau. Neben gut ausgebildeten Facharbeitern (Pflasterern, Steinsetzern) fehlt es an Fachbauleitern und Fachingenieuren für den Pflasterbau. Das Netzwerk Pflasterbau hält dagegen: In den kommenden zwei Jahren präsentiert es bundesweit die Wanderausstellung „Pflasterhandwerk – Zunft mit Zukunft“.

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